Das blaue Wunder
Blaue Laser könnten die Kapazität digitaler Speichermedien um ein
Vielfaches steigern
Weltweit liefern sich die Entwicklungsabteilungen der Elektronik-Konzerne
ein Wettrennen um die größten, schnellsten und preiswertesten digitalen
Speicher. Disketten und Wechselplatten verschiedenster Bauart kämpfen
mit CD- und DVD-Scheiben um den Standard der Zukunft. Physiker der Universität
Mannheim entdeckten sogar in der Tesafilm-Rolle ein potentielles Speichermedium:
Weil das Klebeband eine so fehlerfreie Transparenz besitzt, lassen sich auf
eine 10-Meter-Rolle Schicht für Schicht bis zu 10 Gigabyte Daten auftragen.
Eine Tesa-Rolle könnte also 15 CDs ersetzen.
Doch ob CD-ROM oder Tesafilm - sie alle werden mit roten Laserstrahlen beschrieben
und wieder abgelesen. Den nächsten technologischen Sprung könnte
es dagegen schon bald geben, wenn Schreib- und Lesegeräte mit blauem anstatt
rotem Laserstrahl den Markt erobern. Der blaue Lichtstrahl läßt
sich stärker bündeln, die Daten könnten dichter geschrieben
werden. Wie wichtig die Bündelung des Lichts ist, zeigt schon der kleine,
aber wesentliche Unterschied zwischen CD und DVD. Infrarotlaser in herkömmlichen
CD-ROM-Laufwerken arbeiten mit einem vergleichsweise "breiten" Laserstrahl
von 780 Nanometer Wellenlänge. Für die DVD-Technik konnte der Laser
auf nur 640 Nanometer konzentriert werden. Dadurch wird es möglich, auch
kürzere Datenspuren zu lesen: Statt mindestens 0,83 Mikrometer (µm)
muß eine Information nur noch 0,4 µm lang sein. Der Abstand zwischen
den Rillen muß nur 0,74 µm anstatt 1,6 µm betragen, um den
Laserstrahl noch in der Spur zu halten. Ist auf der CD-ROM bei 650 Megabyte
Schluß, so faßt eine einseitig beschriebene DVD schon bis zu 4,7
Gigabyte. Durch den Einsatz blauer Laser mit nur 400 Nanometer Wellenlänge
ließe sich die Kapazität weiter verdichten und auf 15 Gigabyte erhöhen.
Das blaue Wunder scheiterte jedoch lange Zeit an Materialproblemen. Weltweit
experimentierten die Physiker schon seit über zwanzig Jahren mit Halbleiterlasern,
die auf der Basis von Zinkselenid gefertigt wurden. Kristalle aus Zinkselenid
besitzen zwar gute optische Eigenschaften, konnten bis Mitte der 90er Jahre
aber nur unter Laborbedingungen eingesetzt werden. Flüssiger Stickstoff
mußte den Laser auf minus 196 Grad Celsius abkühlen, damit ein nur
Sekunden anhaltender blauer Lichtstrahl erzeugt werden konnte. Mikroskopisch
kleine Materialfehler verstärkten sich unter der Wärme so stark,
daß die Halbleiterkristalle schon nach kurzem Betrieb "erblindeten".
Erst 1995 schafften Entwickler von Sony den Durchbruch und brachten einen blauen
Laser für eineinhalb Stunden zum Leuchten. Später steigerten sie
die Lebensdauer des Lasers auf 400 Stunden.
Die Nase vorn hat allerdings die mittelständische japanische Chemiefirma
Nichia Chemical Industries. Nichia ist bereits seit 1995 Marktführer bei
der kommerziellen Herstellung ultraheller blauer und grüner Leuchtdioden.
Ihr Forschungsleiter Shuji Nakamura experimentierte seit Mitte der 90er Jahre
mit Galliumnitrid anstelle des Zinkselenids. Das Material reagiert weniger
empfindlich auf Wärme und strahlt Licht aus, dessen Wellenlänge die
japanischen Entwickler unter Laborbedingungen auf nur 390 Nanometer bündeln
konnten. Allerdings suchten die Forscher lange Zeit vergeblich nach geeigneten
Substanzen für die sogenannte Dotierung, die gezielte "Verunreinigung" des
Materials, mit der die Laser-Wirkung verstärkt werden kann. Ungeklärt
war auch, wie die Nitride auf einem Trägermaterial aufgebracht werden
konnten, ohne daß sich schnell Risse bildeten. Beide Probleme hat Nakamura
in den Griff bekommen. Im Frühjahr letzten Jahres gab Nichia bekannt,
der erste Prototyp des blauen Lasers habe eine Lebensdauer von 10.000 Stunden
erreicht. Damit scheint die Technik erstmals marktreif entwickelt, entsprechende
Geräte hat Nichia für das zweite Halbjahr 99 angekündigt.
Prof. Dr. Jürgen Gutowski von der Universität Bremen hält dieses
Datum für realistisch. Zusammen mit Prof. Dr. Detlef Hommel hat er am
Institut für Festkörperphysik blaue Laser sowohl auf Zinkselenid-
wie auf Galliumnitrid-Basis gebaut. Die Laser der Bremer Forscher geben aber
schon nach Minuten ihren Geist auf. Dies liege am schwierigen Mischungsverhältnis
von Galliumnitirid mit dem Metall Indium, erklärt Gutowski: "Man
muß viel Indium verwenden, aber ab einem Anteil von zehn bis zwölf
Prozent Indium im Gallium entstehen Cluster." Die japanischen Forscher
konnten das Problem der Klümpchenbildung offenbar lösen, wie sich
Gutowski vor Ort überzeugt hat. Den Deutschen dagegen sind in diesem Feld
schon aus Kostengründen Grenzen gesetzt, denn finanziert wird die Grundlagenforschung
ausschließlich aus öffentlichen Mitteln. Gutowski bedauert, daß die
deutsche Industrie - "weltführend ist die nicht gerade"-, die
Laserfrage völlig vernachlässigt. Dabei bieten sich grüne und
blaue Laser auch außerhalb der Unterhaltungselektronik für eine
Vielzahl von Anwendungen an: In der Analytik werden zunehmend optische Fluoreszenzverfahren
eingesetzt, um beispielsweise Umweltverschmutzungen nachzuweisen. Kurzwelliges
Laserlicht wäre besonders gut geeignet, die Konzentration von Ozon und
Kohlenwasserstoffen zu messen. Scanner an Supermarkt-Kassen könnten mit
Hilfe blau-grüner Laser die Barcodes auf farbigen Verpackungen besser
erkennen. Abstandsmeß- und Regelsysteme für den Straßenverkehr
wären auf blau-grüner Basis wesentlich zuverlässiger. Und das
Laserfernsehen, das eines Tages Bilder in Kinoqualität auf die häusliche
Projektionswand strahlen könnte, ist ohne einen zuverlässigen blauen
Laser nicht denkbar.
Doch gerade in der Unterhaltungselektronik "hat der Druck, blaue Laser
entwickeln zu müssen, nachgelassen", glaubt der Würzburger Physiker
Prof. Dr. Wolfgang Faschinger. Faschinger und Kollegen vom Physikalischen Institut
der Universität Würzburg experimentieren seit Jahren mit blauen Lasern
auf Zinkselenid-Basis. Der Forscher meint, die derzeit nötigen Speicherkapazitäten
ließen sich noch durch die Weiterentwicklung der DVD-Scheibe erzielen.
So kann das Medium beispielsweise mit einer zweiten Schicht überzogen
werden, die halbdurchlässig ist. Der Laser kann beide Schichten durch
die selbe Optik abtasten, er muß nur jeweils auf die obere oder untere
Schicht fokusiert werden. Weil die DVD wie eine Langspielplatte doppelseitig
beschrieben werden kann, sind bis zu 17 Gigabyte Daten unterzubringen.
In den USA beginnt sich der DVD-Player mit herkömmlichem roten Laser gerade
zu etablieren. Bei uns, so hofft die Industrie, werden sie mit Verzögerung
ebenfalls einen Siegeszug antreten. Die Hersteller könnten geneigt sein,
das Auftauchen von blauen Lasern zu verzögern, glaubt Faschinger. In der
Regel setzt die Industrie auf Produktzyklen von zehn Jahren, bevor sie die
nächste technische "Revolution" ausruft. Der Bremer Forscher
Gutowski rechnet dagegen mit einem früheren Erfolg des blauen Lasers: "Ich
würde es mir derzeit schon zweimal überlegen, ob die Anschaffung
eines aktuellen DVD-Gerätes sinnvoll ist."
(Langfassung; leicht gekürzt in "Die Woche" 23.4.1999) |