Regionalität als ErfolgsrezeptDie deutsche Landwirtschaft steckt in der Krise. Selbst großflächige Monokulturen rechnen sich kaum noch. Die Biobauern machen derweil vor, wie's besser geht - das Beispiel Lindenhof zeigt, wie man mit schonendem Anbau und weniger Erträgen mehr verdient. Eilum am ersten Sonntag im September: Das kleine Dorf nahe Schöppenstedt ist für einen Tag zum Pilgerort geworden. Mit Sonderbus, Fahrrädern und jeder Menge Autos sind die Besucher im ruhigen Landleben eingefallen. Ihr Ziel ist der Lindenhof am südlichen Dorfrand. Über das Gelände toben überraschend viele Kinder. Eine große Zahl junger Familien scheint den sonnigen Herbsttag zu nutzen, den Kleinen einmal "richtige" Tiere zu zeigen. Dabei gibt es auf den ersten Blick nicht allzu viel zusehen: Ein paar Schweine, die tief im Stroh vergraben durch den Tag schlafen, einige Bullen, später kann man noch zu den Kühen auf die Wiese fahren. Und doch bringen die Besucher für die Hofführungen und Feldrundfahrten reges Interesse auf. Immerhin ist der Lindenhof als einer der ältesten Biobauernhöfe der Region schon eine kleine Attraktion. Der Lindenhof befindet sich im Besitz des "Allmende Vereins für Ökologie und Landwirtschaft", ist Eigentum von Mitarbeitern und Förderern des Projekts. Mit ihm hat ein Stück Alternativ-Kultur das Auf und Ab der Zeiten nicht nur überlebt, es hat sich über die Jahre auch noch prächtig entwickelt. Die Geschichte der Hofgemeinschaft reicht ins Jahr 1980 zurück. Eine stadtmüde Gruppe junger Leute erwarb damals ein altersschwaches Fachwerkhaus mit nur kleinem Landbesitz. Der erste Gartenbau diente lediglich der Eigenversorgung. 1982 wurden die ersten 5,5 Hektar Fläche gepachtet - heute sind es rund 110 Hektar -, im folgenden Jahr begann die Umstellung auf organisch-biologischen Anbau gemäß den "Bioland"-Richtlinien. Bioland, Anfang der 70er Jahre entstanden, ist heute der größte deutsche Anbauverband des ökologischen Landbaus. Er richtet sich nicht nur nach der EG-Verordnung zur ökologischen Landwirtschaft, die gesetzliche Mindeststandards festlegt. Der Verband ist auch staatlich zugelassene Kontrollstelle und hat eigene, strengere Regelungen für seine Mitgliedsbetriebe erlassen. So darf beispielsweise kein Importfuttermittel aus Dritte-Welt-Ländern gekauft werden, gentechnisch veränderte Tier- und Pflanzenarten dürfen nicht eingesetzt werden, der Gesamtbetrieb muß den ökologischen Richtlinien entsprechen. Was sich formal nach zentralen, übergeordneten Vorschriften anhört, ergänzt sich in der Praxis mit einem individuellen, regionalen Konzept: Es ist die eigene lokale Vermarktung, die den Erfolg des Lindenhofs letztendlich ausmacht. Der Bauer sowohl als Produzent wie auch als Händler für den Lindenhof war das anfangs eine Notlösung. Als man nämlich anfing, die kleine, derzeit acht Tiere umfassende Gruppe von Milchkühen aufzubauen, waren die Milchkontingente der EG bereits verteilt. So ist die Lieferung der Milch an eine Molkerei ausgeschlossen. Es steht allerdings jedem Bauernhof offen, seine Milch auch selbst zu verarbeiten. Und genau für diese Variante entschied sich der Lindenhof. Zum einen kann jeder Konsument Anteilsscheine zu 100 Mark an der Herde erwerben. Dies berechtigt ihn, Milch von "seiner" Kuh vom Hof abzuholen. Zum anderen verarbeitet die Hofgemeinschaft die Milch zu Joghurt, Quark, Käse und Butter. Im Sommer, wenn die Kühe auf der Weide stehen, fällt die Milch übrigens anders aus als im Winter, wenn die Tiere wegen der Kälte im Stall bleiben. Der höhere Fettgehalt im Sommer läßt die Butter gelblicher werden, im Winter ist sie weißer. "Das sind Effekte, die man bei der Industrieproduktion nicht hat, damit man die Wechsel der Jahreszeiten nicht mitbekommt", sagt Ursula Kleber, die die Milchverarbeitung betreut. Weil die Lindenhof-Milch fetthaltiger ist und nicht homogenisiert wird, rahmt sie schnell auf: es bildet sich eine feine Sahne-Schicht auf Joghurt und Quark - biologische Prozesse, die der Supermarkt-Joghurt nicht kennt. Wer in die Materie des Käsens einsteigen will, kann an sogenannten Schnupperwochenenden die Käse-Produktion auf dem Lindenhof kennenlernen und erfahren, wie sorgfältig in diesem Bereich gearbeitet werden muß. Da wäre etwa das umständliche Verfahren der Wärmung, bei dem Temperaturen Grad-genau eingehalten werden müssen. Die Geschmacksbildung selbst braucht einen mindestens acht bis zehn Wochen langen Reifeprozeß. Und diese Wochen sind keine reine Wartezeit: Während der Reife bildet der Käse nämlich eine eigene Rinde aus Milchfett. Positiver Effekt: Wachs als Schutzhülle wie in der industriellen Produktion ist unnötig. Negativer Effekt: Die Außenschicht wird schnell zum nahrhaften Boden für Schimmelbakterien. Und dagegen hilft nur ein gründliches Abschrubben alle zwei Tage. Der möglichst schonende Umgang mit der Natur kann mitunter schon zu einem Kampf gegen einzelne natürliche Erscheinungen werden. Die Disteln etwa bereiten den Äckern große Probleme. Ihre Wurzeln liegen unter der Pflugzone und sind somit nur schwer zu entfernen. Will man auf chemische Unkrautvernichter verzichten, hilft nur ausgraben oder der Trick, die Distel durch Bepflanzen zu "stören". Der Hanf sei eine gute Pflanze gegen die Distel, erklärt Landwirt Markus Euskirchen. Hanf wächst schneller, nimmt der Distel das Licht und hungert sie aus. Bevor sie ihre Blüte bilden kann, hat sie sich regelrecht zu Tode gewachsen, weil alle Energie im Wettlauf mit dem Hanf verbraucht wird. Was in der Theorie schön klingt, hat in der Praxis seine Haken. Daß es für Hanf noch keinen ausreichenden Markt gibt, ist so eine Schwachstelle zugunsten der Distel. Im Kampf gegen Unkraut und tierische Schädlinge müsse man schon einige Zeit experimentieren, vermutet der Landwirt. Euskirchen tröstet sich, man brauche halt ein paar Jahre, bis man seinen Acker kennt. Er bedauert, das Wissen der alten Bauern gehe verloren. Dabei könne man vom Wissen dieser Landwirten lernen, die noch eine Zeit ohne Kunstdünger und chemischer Pflanzenschutzmittel erlebt haben. Am Experimentieren ist Euskirchen beispielsweise in Sachen Mais. Ein konventionell anbauender Kollege habe doppelt so hohe Pflanzen, ebenfalls ohne Kunstdünger. Pflanzensorte, Wetter, Standort passen die Faktoren nicht zusammen, stimmt die Ernte nicht. Zwei Monate Zeit braucht der Mais zum Wurzelbilden, dann erst beginnt das Wachstum und die Kolben-Bildung - ein paar Wochen "falsches" Wetter, und die Maiskolben bleiben klein. Zum Erhalt des Bodens praktiziert der Lindenhof eine siebenjährige Fruchtfolge. Dies verhindert, daß sich Schädlinge etablieren, die auf einzelne Pflanzen spezialisiert sind. Ziel ist ein Boden, der so lebendig ist, "daß der organische Körper ständig in Bewegung ist", wie Euskirchen formuliert. Der Umbauprozeß wird ständig in Gang gehalten, und doch bleiben die Erträge niedriger als in der konventionellen Landwirtschaft. Zum Ausgleich lassen sich mit ökologischen Produkten höhere Preise erzielen. Diese werden auch deshalb erreicht, weil bei der regionalen Vermarktung Großhändler ausgeschaltet sind. Auf dem Altstadtmarkt und in Wolfenbüttel ist der Lindenhof mit eigenen Ständen vertreten, im Guten-Morgen-Laden werden seine Produkte ständig angeboten. Neben Obst, Gemüse und Milchprodukten gibt es Brot und andere Backwaren aus eigener Herstellung. So weiß der Lindenhof immer, wohin seine Produkte gehen. "Wir sind ein Betrieb, von dem die EG nur träumen kann", sagt Euskirchen stolz. Dagegen die konventionell arbeitenden Bauern: Sie sind geradezu gezwungen, großflächige Monokulturen zu bewirtschaften, weil sich nur mit Masse noch Umsatz machen läßt. Auf dem globalen Markt bekommt man für den Doppelzentner Weizen beispielsweise nur 23 Mark. Zehn Mark zahlt die Europäische Gemeinschaft an Subventionen dazu, damit der bauer einen Erlös von 33 Mark erreicht. Um die 30 Mark bilden die unterste Herstellungsgrenze rund ein Zehntel bleibt dem Bauern also als wirklicher Gewinn. Zum Vergleich: Der Lindenhof erzielt mit dem Doppelzentner Weizen einen Preis zwischen 115 und 160 Mark, weil er direkt verkauft und nichts über den Großhandel vertreibt. Unter dem Strich bleibt mehr übrig, auch wenn mit größerem Aufwand weniger geerntet wird. Zwanzig Prozent der Betriebe würden beim Getreideanbau draufzahlen, schätzt Landwirt Euskirchen die Lage seiner konventionellen Kollegen ein. Nur die Gegenfinanzierung mit anderen Kulturen kann ein solches System am Leben halten - oder eben nicht, wie das Höfe-Sterben über Jahrzehnte belegt. Anfangs haben die über uns gelacht und gesagt "Euch gibt's nicht lange!'", erinnert sich Biobauer Euskirchen. Doch die relativ starke Braunschweiger Nachfrage nach Öko-Produkten haben den Lindenhof zum Vorbild werden lassen. Nicht nur, daß sich die Kollegen an die "Neuen" gewöhnt haben und etwa in der Maschinen-Nutzung kooperieren, auch das Beispiel ökologischer Anbau hat Schule gemacht. Mittlerweile gibt es 18 landwirtschaftliche Betriebe im südlichen Niedersachsen zwischen Helmstedt und Hildesheim, die nach ökologischen Prinzipien arbeiten. Ob sich die notwendig höheren Preise auf Dauer halten lassen, wenn immer mehr Höfe für den Bio-Markt produzieren, werden die nächsten Jahre zeigen. Der Lindenhof jedenfalls scheint gut gerüstet. Die Landwirtschaft wird als GbR betrieben, die Backstube als Handels-GmbH. Alle Bereiche zusammen befinden sich im Besitz des Allmende-Vereins, in dem Entscheidungen nur gemeinsam gefällt werden können. Neben dem Lebensunterhalt für zwölf Mitarbeiter und ihre Familien bleibt noch Gewinn für Naturschutz-Projekte übrig. Stolz ist der Lindenhof auf sein Heckenpflanz-Programm, welches wieder Nistmöglichkeiten für Vögel in die sonst leergeräumten Agrarflächen gebracht hat. Ganz nebenbei halten die Wildtiere natürlich auch so manchen Schädling von den Feldern fern. "Zwischen den intensiv bewirtschafteten Weizen- und Zuckerrübenflächen des Braunschweiger Hügellandes wirken die Äcker und Wiesen des Lindenhofes wie Oasen", stellte vor zwei Jahren die Münchner Schweinfurth-Stiftung fest und vergab ihren Agrar-Kultur-Preis 1995 an die Niedersachsen. Mit einem Preisgeld von 20.000 Mark würdigte die Stiftung "ganz besonders die Vielzahl der Naturschutzmaßnahmen und das Meistern der Schwierigkeiten, die dadurch entstehen, daß die zugepachteten Flächen sehr weit verstreut liegen." Seit 1989 verleiht die Münchner Stiftung alle zwei Jahre ihren Agrar-Kultur-Pris und unterstützt vorbildliche Höfe mit Preisgeldern von insgesamt 60.000 Mark. Sie will Menschen Mut machen, die Landwirtschaft als umfassendes kulturelles Anliegen zu betrachten". Dieser Mut zu Biobetrieb ist auch nötig, wenn in der Landwirtschaft nicht noch mehr Arbeitsplätze verloren gehen sollen. Während in der konventionellen Landwirtschaft unter stetigem Kostendruck rationalisiert werden muß, könnten durch ökologischen Anbau neue Arbeitsplätze entstehen: Biobetriebe brauche rund ein Drittel mehr Arbeitskräfte. "Heute bearbeiten Biobauern zwei Prozent der Agrarfläche", hat die Schweinfurth-Stiftung ermittelt. "Kämen zehn Prozent hinzu - eine Größenordnung, die in Nachbarländern wie Dänemark und Österreich längst Realität ist - , würden etwa 20.000 neue Vollzeitarbeitsplätze entstehen." Während sich in der Industrie alle Entwicklungen in Richtung Globalisierung zu verschieben scheinen, kann die Zukunft der Landwirtschaft nur im genauen Gegenteil, also in der Regionalisierung liegen. (UMWELTZEITUNG Umweltzeitung November/ Dezember 97) |