EXPO 2000 - Sinn und Unsinn der Weltausstellung


Titelbild Umweltzeitung (Stand der Daten: Dez. 97)

Für die einen ist die EXPO "die Visitenkarte Deutschlands", der "optimistische Blick in die Zukunft". Die Gegner ahnen Schlimmes und zeigen auf das Finanzloch von über 500 Millionen Mark - ist die Pleite vorprogrammiert für die Weltausstellung in Hannover im Jahr 2000? Ist das Spektakel aus Touristik-Messe, Industrie-Schau und Erlebnispark überhaupt noch zeitgemäß? Ein Blick auf den gegenwärtigen Stand der Planungen zeigt, auf was wir hoffen können und was wir befürchten müssen.

Das EXPO-Maskottchen ist ein seltsames Geschöpf: Es springt, fliegt und kann angeblich sogar rennen mit seinen ungleichen Füßen. Ein Arm - mal der rechte, mal der linke - scheint aus Gummi zu sein. Seine Farbe wechselt das Comic-Chamäleon laufend. Und wie es heißt, wußte es selbst lange Zeit noch nicht: "Demnächst bekomme ich auch einen Namen. Mann, bin ich gespannt", freute sich das gestrichelte Wesen noch Anfang des Jahres. Inzwischen heißt das Maskottchen Twipsy - ob es mit dem Namen glücklich ist, haben die Veranstalter noch nicht mitgeteilt. Das witzige Maskottchen aus der Feder des spanischen Comiczeichners Javier Mariscal paßt bestens zum Logo der EXPO 2000. Auch das Zeichen der Weltausstellung scheut jede feste Form und pulst in ständiger Verwandlung abstrakt durch den Raum. Wohl eher unfreiwillig hat die EXPO 2000 Hannover GmbH mit diesem Erscheinungsbild den Inhalt der kommenden Weltausstellung bestens getroffen: Ort, Zeit und Eintrittspreise stehen fest, aber was in Niedersachsens Metropole in rund 900 Tagen zu sehen sein soll, wissen selbst die Veranstalter noch nicht so genau. Zwar bleiben noch zweieinhalb Jahre Zeit zur Vorbereitung, doch muß jetzt schon der Kartenverkauf anlaufen, um die ersten Millionen des 2,8 Milliarden-Projektes einzuspielen. Dazu geistert das EXPO-Motto "Mensch Natur Technik" durch die Medien, die Werbebroschüren und Touristikprospekte. Die Inhalte dagegen bleiben so schemenhaft wie das Logo der Ausstellung.

Bekannt sind immerhin die vier Teilbereiche des Konzeptes. Eine tragende Säule der Weltausstellung sind die Pavillons der beteiligten Länder. 186 Nationen und zehn internationale Organisationen hatte Bundeskanzler Helmut Kohl persönlich angeschrieben. 163 Staaten und sechs Organisationen haben ihre Teilnahme bereits zugesagt (Stand Mitte Dezember). Neuseeland, China, Südafrika und ein kleines Grüppchen weiterer Länder halten sich noch bedeckt. Weitesgehend unbekannt ist bisher, in welcher Form und Größe sich die Länder darstellen werden. Inhaltlich wird man eine Mischung aus staatlicher Selbstdarstellung, Werbung der heimischen Industrie und Angebote touristischer Veranstalter rechnen dürfen.

Die zweite Säule der EXPO stellt das "große Kultur- und Erlebnisprogramm" dar. In diesen Bereich darf alles hinein, was Spaß macht. Theater, Konzerte, Action jeder Art - das Motto "Mensch Natur Technik" spielt in Sachen Unterhaltung keine Rolle. Neben Klassik- und Popkonzerten ist für den Juni 2000 beispielsweise Goetehs "Faust" unter der Regie von Peter Stein angekündigt. Das 17 Stunden-Theater-Marathon soll neun Wochen lang auf der EXPO zu sehen sein. Schon im Vorfeld zieht die EXPO Hannover 2000 GmbH drei Jahre lang alles in die Landeshauptstadt, was Medienpräsents verspricht. Tenor Luciano Pavarotti weihte mit einem Konzert die erste EXPO-Halle ein, die ATP Tennisweltmeisterschaften bis 1999 werden von der EXPO-Gesellschaft ausgerichtet.

Säule Nummer drei der Weltausstellung bilden die Themenparks. Hier nun endlich kommt das eigentlich Motto der EXPO "Mensch Natur Technik" zum Einsatz. Die "Basic Needs" der Menschen, der Körper als begehbares "Wunderland", die "Mobilität als Fortschrittsmotor" - das EXPO-Motto wird inhaltlich sehr weit ausgelegt.

Erstaunlich ist die Leistung der Veranstalter, sämtliche Probleme unserer Zeit in den schönsten Farben darstellen zu können. Beim Stichwort "Mobilität" etwa denkt in Hannover niemand an mit Autos verstopfte Innenstädte, Staus auf der Autobahn und die damit einhergehende Luftverschmutzung. Die EXPO schreibt: "Der Drang nach Mobilität erwies sich für den Menschen in der Vergangenheit immer wieder als Glücksfall: Bahnbrechende Erfindungen und Entwicklungen, ja die Entstehung ganzer Industriebereiche sind allein auf das Grundbedürfnis der Menschen zurückzuführen, sich fortzubewegen. Mit zunehmender Mobilität kam der Wohlstand. (...) Die Weiterentwicklung der Mobilität bleibt auch in den nächsten Jahrzehnten ein Motor des Fortschritts. Dabei stellen sich neue, spannende Herausforderungen." Anstatt den zum Selbstzweck ausgeuferten Mobilitätswahn in Frage zu stellen, soll der Besucher in einen Geschwindigkeitsrausch versetzt werden: "Er kann die Ausstellung in einer Elektrobahn durchfahren, im "2,5 g-Aufzug" die zweieinhalbfache Beschleunigung der Erdanziehungskraft spüren, im Karussel mit Solarbetrieb Kindheitserinnerungen nachhängen oder in rasanten 3-D-Simulationen alle möglichen Arten von Bewegungen erleben: Von bockenden Pferden über halsbrecherische Motorradstunts und spannende Autorennen bis hin zum Schweben im All reicht hier das Spektrum."

Während die Veranstalter in ihrer Phantasie schon im All schweben ist die Frage noch ungeklärt, ob in die Eintrittskarten ein Fahrschein für Bus und Bahn integriert werden kann. Die EXPO-gesellschaft hat entsprechendes angekündigt, die Finanzierung ist jedoch noch nicht gesichert.

"Zukunft als Ereignis" lautet ein EXPO-Motto und selbst die Geschichte kommt nicht historisch daher sondern als "Zukunft der Vergangenheit". Das Motto "versteht sich dabei "retro-perspektiv" - wie ein Blick in den Rückspiegel bei rascher Fahrt (Da wäre sie schon wieder, die Mobilität! Die Red.): Zu sehen, was hinter einem liegt, zeigt die Strecke voraus in einem anderen Licht. Die menschliche Phantasie kann das ganz Andere niemals vollständig vorstellen. So muß sie sich fürs Zukünftige aus dem Fundus der Vergangenheit bedienen. Dieser ist voll von Anstößen für Neues, weil sich in ihm enthaltene Möglichkeiten niemals voll entfalten konnten. Deshalb ist die "Zukunft der Vergangenheit" auch immer die "Vergangenheit der Zukunft"." - wolkiger Wortmüll aus der niemals stillstehenden Werbemaschinerie der EXPO-Planer.

Der vierte tragende Bereich der Weltausstellung umfaßt das Feld der "weltweiten Projekte". Von A wie Äthiopien bis Z wie Zypern hat die EXPO 2000 Partnerschaften zu über siebzig lokalen Projekten geschlossen. In Chile ist eine Aktion, mit Auffangnetzen aus Nebel Wasser zu gewinnen, EXPO-Projekt geworden. In Großbritannien will unter dem Namen "Gesundes Sheffield" "eine Stadt gemeinsam etwas für die Gesundheit aller tun", in Kanada sol das Bildungssystem reformiert werden, in Namibia wird eine "Null-Emission-Brauerei" gebaut - alle Vorhaben sind EXPO-Projekte.

Erfeulicher Effekt der internationalen Cooperationen ist es, den Namen EXPO 2000 auf der ganzen Welt bekannt zu machen. Ob darüber hinaus ein gegenseitiger Nutzen entsteht, bleibt abzuwarten. Denn mit dem Anspruch, global zu handeln, überschreitet die Veranstaltung in Hannover ihre Möglichkeiten. Ausstellungsgelände und Aufnahmevermögen der Besucher sind begrenzt - beim besten Willen können die Organisatoren ihre EXPO nicht mit weltweiten Projekten vernetzen.

Schon in Deutschland selbst droht dieser Wunsch zu scheitern. Bekanntlich soll sich das ganze Land den Besuchern präsentieren, der Bundeskanzler träumt von einer EXPO als "Visitenkarte" der Bundesrepublik. "Stadt und Region" als Exponat, so lautet die Devise für ganz Niedersachsen. Auch die anderen Bundesländer werden zu Ausstellungsstücken erklärt. Wahrlich Weltbewegendes hat etwa Thüringen zu bieten: "Die Einrichtung eines dezentralen Netzes von Besucher-Informationsstellen im Naturpark Thüringer Wald hat das gleichnamige Projekt des Verbandes "Naturpark Thüringer Wald e.V." zum Ziel. (...) Den Wiederaufbau und Neubelebung von Kloster und Dorf Volkenroda hat sich die Jesus-Bruderschaft e.V. Gnadenthal zum Ziel gesetzt." Thüringens Ministerin Christine Lieberknecht verkündet tapfer: "Wir werden alles tun, damit möglichst viele Besucher der Weltausstellung ein positives Bild von unserem Land mit in ihre Heimat nehmen. Das Jahr 2000 ist eine Chance, weltweit für uns zu werben, die so schnell nicht wiederkehren wird." Auch die EXPO-Gesellschaft ist sich sicher, daß es Scharen an Besuchern nach Thüringen ziehen wird, wo doch das Bundesland "nach Fertigstellung der neuen Bahntrasse in nur wenigen ICE-Stunden oder über die bis dahin sechsspurig ausgebauten Autobahnen A4 und A 9 zu erreichen" sein wird. Vorausgesetzt, die Menschen sind nicht gerade in Sachsen unterwegs. Dort gibt es unter anderem das Leipziger EXPO-Projekt "Landschaftsnutzung - Landschaftspflege" zu sehen, welches "die Schaffung von Freizeitangeboten und Grünanlagen sowie die Integration von Randgruppen" zum Ziel hat. "Das Projekt "Gesunde Region Westsachsen" der TU Chemnitz beschreibt einen innovativen Ansatz zur regionalen Gesundheitsförderung" - auch dieses EXPO-Vorhaben dürfte Millionen Menschen anziehen, zumal die insgesamt 16 "weltweiten Projekte" in Sachsen "nach Fertigstellung der neuen Bahntrasse in nur wenigen ICE-Stunden zu erreichen" sein werden. Oder halten sich die Besucher im Sommer 2000 vielleicht lieber in Hessen auf? "Viele EXPO-Besucher werden diese Möglichkeit nutzen und neben der Weltausstellung auch Kassel, Hofgeismar, das Fuldatal, Wiesbaden und Frankfurt besuchen und als Übernachtungsmöglichkeit nutzen", ist sich Dr. Christian Ahrens, Leiter der Weltweiten Projekte in Deutschland, sicher. Immerhin ist das Bundesland "in nur zwei bis drei ICE-Stunden oder über die Autobahn A7 ..." - na, Sie wissen schon.

Anstatt sich auf das riesige EXPO-Ausstellungsgelände in Hannover zu konzentrieren, fahren die Besucher nach den Vorstellungen der Planer offenbar kreuz und quer durch die Republik. Auch Braunschweig möchte dabei nicht überfahren werden und rüstet sich für das Jahr 2000. Allerdings hat es in der Löwenstadt lange gedauert, bis die nötige Begeisterung wenigstens ein bißchen angelaufen ist. "EXPO 2000 - Aufbruch wohin?" fragte selbst die "Braunschweiger Zeitung" noch im Frühjahr 97. Dabei hatten Wirtschaftsverteter doch schon im Jahr 96 den Verein "Expool 2000" gegründet, um die Stadt für das Großereignis fit zu machen. Innovatives ist seitdem kaum gesichtet worden. Da wäre etwa das "Info-Regio"-Konzept, durch welches die Verkehrsströme während der EXPO und in der Zeit danach geleitet werden sollen. Für die Braunschweiger mag dies ein sinnvolles Projekt sein, für Besucher gibt es dabei aber nichts zu sehen. "Wir haben gemerkt, daß bald EXPO ist, verzweifelt nach einem Projekt gesucht und "Info-regio" gefunden", gab Manfred Pesditschek, SPD-Ratsmitglied, offen zu. "Wenn ein konkreter Nutzen nicht vorhanden ist, soll man deutlich sagen, daß die Beteiligung der Stadt der Wirtschaftsförderung dient", sagte CDU-Ratsherr Carsten Müller. Damit ist ein heikles Thema angesprochen, welches für viele Projekte landauf landab gilt: Mit der EXPO wird verknüpft, was sowieso geplant ist. Speziell für die Weltausstellung konzipierte Ideen sind die Ausnahme.

Weil sich trotz Universität und zahlreicher Forschungseinrichtungen vor Ort kaum etwas Innovatives abzeichnet, greift Braunschweig auf seine Vergangenheit zurück. Die Stadt will ein groß angelegtes Kulturprogramm auf die Beine stellen, um die EXPO zu begleiten. "Orient trifft Okzident - 2000 Jahre christliches Abendland" lautet das Thema, welches Stadt, Museen und Handwerkskammer vor rund einem Jahr vorstellten. Seitdem wird an einem Projekt gebastelt, welches an Heinrich den Löwen und den Rummel um ihn von vor zwei Jahren anknüpft. Kreuzzüge und Pilgerreisen werden thematisiert - global und mit weltweiter Perspektive, versteht sich. Innerhalb der nächsten zwei Jahre müssen nur noch die Konzepte reifen und Sponsoren gesucht werden. Damit wäre ein Stichwort genannt, welches auch die EXPO-Macher immer mehr beunruhigt.

2,8 Milliarden Mark Gesamtumsatz werden für die EXPO 2000 erwartet. Allein 1,6 Milliarden sollen durch den Kartenverkauf finanziert werden. Der Eintritt kostet 69 Mark, umgerechnet sechs Mark mehr als bei der letzten EXPO in Sevilla. Im Sommer nächsten Jahres startet der weltweite Vorverkauf, doch die Veranstalter befürchten schon jetzt eine Finanzlücke von 500 Millionen Mark.

Insgesamt sind erst etwa ein Drittel der im Etat bereits verplanten eine Milliarde Mark Sponsorengelder zugesagt. Für den deutschen Pavillon "Zehn Jahre deutsche Einheit" sollen Unternehmer beispielsweise noch zusätzliche 50 Millionen Mark zuschießen. Wie groß das Finanzloch letztendlich sein wird, weiß man allerdings erst am 31. Oktober 2000 - bis dahin müssen 40 Millionen Besucher auf dem Ausstellungsgelände gewesen sein, damit die Rechnung aufgeht.

(Gekürzt gegenüber der gedruckten Fassung in der UMWELTZEITUNG Januar/Februar 98)

Link zum Thema:
Web-Seiten der EXPO 2000


© 2005 Stefan Jacobasch, Berlin, Germany